Die New Yorker Formation The Klezmatics feiert ihren vierzigsten Geburtstag. Sie gründeten sich 1986, zunächst nur, um sich etwas dazuzuverdienen, indem sie auf Hochzeiten und anderen Festen spielten. Dann aber bekamen sie 1989 die Chance, ihr erstes Album Shvaygn = Toyt beim Berliner Piranha-Label zu veröffentlichen, und Schlag auf Schlag ging es weiter. Das Erfolgsrezept der Band war und ist, die alte Musik der osteuropäischen Juden mit Elementen aus Jazz, Rock und Balkanmusik zu verbinden, was ein junges Publikum begeisterte. Klezmer gab es zu der Zeit in der kitschigen Form des Musicals Fiddler on the Roof, als konzertante Version von Giora Feidman oder als eher besinnliches Statement in der Welt des Folkrevivals. Die jüdische Band aus vier Männern und einer Frau vom Big Apple schuf aber eine wesentlich druckvollere Version dieser Musik, nicht zuletzt durch den Einsatz von Schlagzeug und E-Bass – wie sie selbst schrieben: „New Klezmer with a punk attitude.“ Die Klezmatics beschritten auch immer wieder neue Wege wie 2006 mit dem Album Wonder Wheel, auf dem sie Texte der US-Folklegende Woody Guthrie verarbeiteten, wofür sie einen Grammy erhielten. Auf der Weltmusikmesse WOMEX im Oktober 2025 war Gelegenheit, den Akkordeonisten, Pianisten und Leadsänger der Band, Lorin Sklamberg, sowie den Trompeter und Keyboarder Frank London zu interviewen.*
Interview und Fotos: Willi Klopottek
Wie fing die Geschichte der Klezmatics an?
Den Bandmitgliedern wurde Klezmer nicht in die Wiege gelegt. Die traditionelle jüdische Musik wurde in den USA auf Hochzeiten und anderen Festen gespielt, aber man nannte sie damals üblicherweise nicht Klezmer. [London lernte Klezmer zuerst in einer Band an seiner Highschool kennen, während Sklamberg alte Aufnahmen im Radio gehört hatte und dann ein Buch über jiddische Tanzmelodien entdeckte; Erg. d. Verf.]
Was war dann eurer Klezmeransatz mit den Klezmatics? Rock ’n’ Roll?
Nicht Rock ’n’ Roll, eher eine Haltung. Wir sind viel traditioneller als viele glauben, aber wir waren nicht der Meinung, dass Klezmer nostalgisch, traurig, rückwärtsgewandt sein muss mit melancholischem Gesang. Noch bevor uns klar war, was wir genau machten, entschieden wir uns jedenfalls, nicht nostalgisch zu sein, sondern lebendige, „atmende“ Musik zu machen. Einige von uns waren mit nichts anderem als Rock ’n’ Roll aufgewachsen, aber uns war wichtiger, den Geist der historischen Klezmeraufnahmen wiederzubeleben, denn der war nicht melancholisch, sondern lebendig und aufregend.
„Wir sind viel traditioneller als viele glauben.“
Viele eurer Texte greifen politische Themen auf. „I Ain’t Afraid“ ist ein Lied gegen den Missbrauch von Religionen im Politischen, und „Honikzaft“ wurde der Pride-Bewegung gewidmet. Seid ihr eine politische Gruppe?
Nein, wir sind keine politische Band, aber nachdenklich und aufmerksam. Uns ist wichtig, dass das, was wir singen, auf verschiedenen Ebenen verstanden werden kann. Der Titel unseres ersten Albums von 1989 lautete Shvaygn = Toyt [„Schweigen = Tod“; Anm. d. Verf.] und entstand während der verheerenden AIDS-Epidemie in den schwulen und haitianischen Communities. Alle von uns hatten Freunde durch AIDS verloren, und wir wollten nicht schweigen. Der Titel bezog sich aber auch auf bedrohte Sprachen, und das Jiddische gehört dazu.
Wie haben sich die Klezmatics in den letzten vierzig Jahren verändert?
Da gibt es verschiedene Aspekte. Erstens spielen wir heute den Klezmer viel authentischer, im Sinne eines besseren Verständnisses. Auch der Gesang hat sich verbessert. Zweitens haben wir mit dem Album Wonder Wheel – auf dieser Platte ist so gut wie kein Klezmer, und wir erkannten, dass wir nicht nur eine Klezmerband sind, sondern nun klangen wie wir selbst. Niemand anderes hätte eine solche Platte aufgenommen. Wir mussten unseren Namen sogar in „The Grammy award-winning Klezmatics“ ändern. Vor zehn Jahren nahmen wir Apikorsim – Heretics auf – das Album hört sich nach echtem Hardcore-Klezmer an. Schließlich veröffentlichten wir das digitale Werk Letters To Afar. Das ist fast minimalistische, elektronische und sehr abstrakte Musik. Wichtig ist es auch, zu erwähnen, dass wir hier auf der Weltmusikmesse WOMEX einen Showcase spielen. Vor 37 Jahren hat uns Ben Mandelson, einer der zentralen Personen dieser Veranstaltung, an Christoph Borkowski empfohlen, der uns 1988 zum legendären Heimatklänge-Festival nach Berlin einlud. Christoph, auch Chef des Piranha-Labels, der dann später die WOMEX gründete, ermunterte uns, nicht nur die alte Musik zu reproduzieren, sondern unseren eigenen Weg zu gehen. Und so sitzen wir jetzt vierzig Jahre nach unserer Gründung auf der WOMEX wieder mit denselben Leuten zusammen, die uns damals den Weg geebnet haben.
Ihr habt ein neues Album in Vorbereitung? Was dürfen wir erwarten?
Es wird den Titel We Were Made For These Times tragen und unser politisches Statement zu dem sein, was aktuell in der Welt geschieht. Wir kooperieren darauf mit zahlreichen Musikschaffenden. Enver Ismailov gehört stammt aus einer Krimtatarenfamilie und wird seine E-Gitarre spielen. Es gibt eine tiefe Beziehung zwischen der Musik der Krimtataren und der jiddischen Klezmermusik. Wir haben auch Joshua Nelson dabei, einen Sänger afroamerikanischen Spirituals, mit dem wir schon vor Jahren zusammengearbeitet haben. Ebenfalls zu hören sein wird der Lavender Light Gospel Choir, der weltweit erste queere Gospelchor, der wie wir vor vierzig Jahren gegründet wurde. Außerdem beteiligt sind das Latin-Frauenensemble La Manga und die argentinische Sängerin Sofia Rei. Ein Track ist der Woody-Guthrie-Song „Deportee“ über mexikanische Farmarbeiter, die aus den USA geworfen wurden. Das Lied ist achtzig Jahre alt und wir mussten kein Wort ändern! Wir singen es auf Englisch, Jiddisch und Spanisch. Das Album wird wahrscheinlich das dickste Ding sein, das wir je gemacht haben, denn wir haben fast fünfzig Gäste, die mitspielen.
We Were Made For These Times erscheint am 1. Mai bei Asphalt Tango Records und wird schon vorab bei der Tour der Klezmatics erhältlich sein, die vom 13. bis 23. März 2026 durch Deutschland und Österreich sowie nach Prag führt. Für alle Termine siehe www.folkerkalender.de.
* Aus Platzgründen und um möglichst viele Aspekte des Interviews abzubilden, sind die Antworten beider Gesprächspartner jeweils zu einer Stimme zusammengefasst, auch da Sklamberg und London sich gegenseitig ergänzten und nicht widersprachen.










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